Ein altes Heidenhaus restauriert

Bericht in der Badischen-zeitung von Manfred G. Haderer

Neue Ideen ziehen in ein 300 Jahre altes Bauernhaus ein / Schreinereiwerkstatt und Ausstellungsraum im Neubauernhof in Kappel.    




  1. Den Neubauernhof in Kappel hat Felix Drahtschmidt schrittweise restauriert. Im früheren Ökonomieteil sind nun eine Schreinereiwerkstatt und ein Ausstellungsraum eingerichtet worden. Foto: Haderer

  2. Felix und Birgit Drahtschmidt im Ausstellungsraum des 300 Jahre alten Bauernhofes. Foto: Manfred-G. Haderer

LENZKIRCH-KAPPEL. In ein mehr als 300 Jahre altes Hofgebäude im Lenzkircher Ortsteil Kappel ist seit einiger Zeit wieder gewerbliches Leben eingekehrt. Felix Drahtschmidt hat sich hier selbständig gemacht. Kreativität war angesagt, um den einstigen Bauernhof, dem vor vielen Jahren sogar schon einmal fast der Abriss drohte, wieder einer zeitgemäßen Nutzung zuzuführen.

Zum einen hat sich der Handwerker im ehemaligen Stall eine Schreinerwerkstatt eingerichtet. Zum anderen gibt es inzwischen auch einen schön gestalteten Verkaufsraum mit vorwiegend antiken und restaurierten Möbeln. Das historische Anwesen und das Angebot "mit ganz eigener Geschichte" harmonieren dabei gut. Die Verknüpfung namens Restoria ist stimmig und funktioniert.

Die älteren Kappeler Bürger kennen das Anwesen sicher noch unter dem Namen Neubauernhof an der Neustädter Straße. Dabei handelt es sich um einen mehr als 300 Jahre alten Schwarzwaldhof, den Experten aufgrund seiner Bauweise als "Heidenhaus der älteren Form" charakterisieren würden. Das mächtige Gebäude mit dem tiefgezogenen Dach gehört zur Kappeler Dorfgeschichte. Doch die landwirtschaftliche Nutzung liegt inzwischen etliche Jahrzehnte zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die Familie von August Gfell, die das Anwesen zuletzt noch landwirtschaftlich nutzte. Die Landwirtschaft wurde aufgegeben, die Grundstücke ringsum verkauft und mit Wohnhäusern bebaut und das Hofgebäude selbst hat Gustl Gfell bereits vor rund 40 Jahren verkauft. So wirkt das einstige Bauernhaus heute beinahe wie ein Relikt vergangener Zeiten oberhalb der Neustädter Straße. Längst steht es mit seiner senkrecht zum Südhang verlaufenden Dachfirstlinie aufgrund seines Bautyps und seiner teilweise noch original vorhandenen Konstruktionsmerkmale unter Denkmalschutz.



Den Neubauernhof in Absprache mit dem Denkmalamt restauriert

Für Felix Drahtschmidt war es nicht ganz einfach, das alte Anwesen vorläufig in Teilen und in Absprache mit dem Denkmalamt zu restaurieren und einer zeitgemäßen Nutzung zuzuführen.

Im Jahr 2004 hat sich der gelernte Schreiner in Kappel selbstständig gemacht und ab 2009 hat er begonnen, den ehemaligen Ökonomieteil nach und nach zu sanieren. Was irgendwie noch möglich war, hat er im Original belassen, anderes hat er gerichtet oder ersetzt. In die Gefache wurden Fenster eingebaut, allerdings nicht historisierend. So kann jeder sehen, dass hier eine neue Nutzung ermöglicht worden ist.

Im früheren Ökonomieteil entstand eine Schreinerwerkstatt

Entstanden ist so neben der Schreinerwerkstatt ein ebenerdig zugänglicher Ausstellungsraum mit vorwiegend antiken Möbeln, die Felix Drahtschmidt, wenn nötig, auch selbst restauriert. Auch eine Treppe höher stehen interessante Einrichtungsgegenstände. Man findet aber auch selbstgefertigte Kleinmöbel wie Schemel oder Hocker. Gerne verwendet er auch charaktervolles Altholz, beispielsweise für seine Couchtische. Es sind begehrte Unikate aus mehrere Jahrhunderte altem Massivholz in Kombination mit Glas. Das Tätigkeitsfeld des Schreiners reicht jedoch über die Möbelrestauration hinaus. Kleinere Ausbauarbeiten, Bautischlerarbeiten, Türrestaurierungen und verschiedene kreative Holzarbeiten gehören zum täglichen Geschäft. Ehefrau Birgit und ein Mitarbeiter vervollständigen das kleine Restoria-Team. Vorläufig freitags und samstags sind die Ausstellungsräume geöffnet.

Felix Drahtschmidt hat sein Handwerk einst bei der Lenzkircher Schreinerei von Herbert Klapper gelernt. Später war er im alemannischen Holzbau von Martin Wider in Raitenbuch tätig. Er eignete sich dort manche Fähigkeiten der Werterhaltung und der Restaurierung an. Heute sorgt er mit seiner Holzwerkstatt im historischen Bauernhaus auch dafür, dass sowohl ein altes Stück Kappel als auch ein traditionelles dörfliches Handwerk erhalten bleibt. Und als Musiker holt er sich zusammen mit seiner Frau Birgit hin und wieder auch ein Stück örtlicher Kultur unter das große, alte Dach des Neubauernhofes. Beispielsweise wenn Mitte Juni zum zweiten Mal ein frohes "Preisblose" mit großem und kleinem Blech angesagt ist, wo alle, die mitfeiern auch anschauen können, was in der alten Ökonomie entstanden ist.

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Am Freitag den 26.6.15 spielten bei uns die Urban Nomades im Rahmen des Jazz-Sommers.

Bericht aus der Badischen Zeitung vom 2.7.15


Urban Nomades in Kappel. Eine alte Bauernscheune als Platz für „Jazz meets Afrika“. Das Trio in Aktion (von links): Werner Englert, Raphael Kofi und Pape Dieye. Foto: Hans-Jochen Köpper

Bemerkenswert verschieden – und erstaunlich hörbar

Von stilistischen Zwängen befreit verschmelzen die "Urban Nomades" Jazz und afrikanische Volksmusik / Jazz-Sommer in Kappel.


LENZKIRCH-KAPPEL. Zum Abschluss des 25. Hochschwarzwälder Jazz Sommers gab es in Felix´ Scheune in Kappel noch einen besonderen Ohrenschmaus. Das Trio "Urban Nomades" zeigte, dass Musik keine Grenzen hat. Herausgekommen ist dabei ein Konzert, das verschiedene Musikstile gekonnt vereint und so neue Hörerlebnisse beschert.

Schon das Ambiente passt. Die Scheune im alten Bauernhof ist ausladend wie ein Ballsaal. Uralte, noch gehauene Balken stützen das Dach und es riecht nach Holz und Heu. Neben vielen alten Möbeln sind verschiedene Holzstühle scheinbar wie zufällig für die Gäste aufgestellt, so als ob sie zeigen, um was es an diesem Abend geht: Um Vielfalt, um Verständigung, um den musikalischen Austausch der Kulturen.

Fremde Instrumente auf der Bühne

Einiges Fremde ist auf der Bühne zu sehen: Trommeln und Schlaginstrumente verschiedenster Art, seltsam geformte Gitarren und mehrere Flöten, die nichts mit den metallenen europäischen Higthtechinstrumenten gemein haben, ihnen im Klang aber ebenbürtig sind. Werner Englert, begnadeter Flöten- Klarinetten- und Saxofonspieler tritt in Lederhosen auf, seine kongenialen afrikanischen Mitmusiker Pape Dieye, zuständig für diverse Zupfinstrumente und Percussions, sowie Trommler Raphael Kofi tragen afrikanische Gewänder. Technische und optische Gegensätze, die irgendwie wohl auch die aktuelle,reale Welt widerspiegeln: Europa und Afrika – da gibt es noch viel zu klären, nicht nur was die derzeitigen Flüchtlingsströme anbelangt.

Musikalischer Erklärungen brauchte es indes nicht, denn bereits mit dem ersten Lied "Prayer for Freedom" wurde ein Bogen zu den aktuellen Terrorattacken geschlagen. Untermalt mit Flötenloops boten freie jazzige Saxofonläufe Platz für eigene Vorstellungen. Dazu kamen die hypnotisierenden Trommeln und los ging es einmal um den Erdball. Instrumente aus Afrika, Asien und Südamerika wurden bespielt und die sonore Stimme von Pape Dieye ermutigte sogar die Hauskatze, einmal kurz an der Bühne vorbeizuhuschen. Die Zuhörer konnten aus vielen denkbaren Assoziationen wählen: Sonnenaufgang in der Serengeti, geschäftiger Basar in einer Oasenstadt, eine indische Schlangenbeschwörung, oder einfach mal kurz auf eine eigene Fantasiereise gehen.

Singen können alle drei, was den Sound zusätzlich befeuerte und letztlich sogar ein paar Zuschauer zum Tanzen animierte. Für den nicht gerade als extrovertiert geltenden Schwarzwälder bekanntlich keine Selbstverständlichkeit.

Doch auch Ungewöhnliches wurde gespielt. Ein musikalisches Crossover der besonderen Art bot das "Lederhosenlied", das zur Melodie eines deutschen Ländlers eine vietnamesische Maultrommel und afrikanische Trommeltrhythmen hinzugesellte. Aber auch der afrikanisch untermalte pfälzische Springkreisel war hörbar, so wie die typischen Volksweisen aus Afrika, die per se Lebensfreude und Zuversicht ausstrahlen. Indes darf die Botschaft von Trommler Raphael Kofi nicht unerwähnt bleiben: Der Mensch bringt nichts auf die Welt mit und nimmt nichts mit. Wahrlich ein kluger Hinweis auf den Sinn von Vermögen und Besitz und deren Verteilung.

Als es dunkel wurde und bereits ein kühlender Wind um die Scheune strich, zeigten die Musiker mit ausgiebigen Soloeinlagen noch einmal ihr Können. Englert jazzte mit dem Saxofon quer durch das Publikum, Kofi ließ die Trommeln aufschreien und Dieye zeigte mit unglaublichem Rhythmusgefühl an Percussions sowie seiner Stimme, dass sich der Besuch bei den den Stadtwanderern gelohnt hat.